Bei mäßig guten Wetterverhältnissen sind wir in zwei Gruppen zur Hütte aufgestiegen. Mit vier Teilnehmerinnen waren die Frauen dabei deutlich in der Überzahl. Alle Teilnehmenden kannten sich bereits aus dem jdav-Gletscher-Grundkurs vor zwei Jahren. Nach ca. 2 h einfacher Wanderung hat unser Trainer Paul uns schon auf der Terrasse der Hütte erwartet. Nachdem wir kurz unsere Sachen abgelegt hatten, stand gleich der erste inhaltliche Block auf der Tagesordnung. Wir erlernten den Seilabbund, der ein schnelles Verlängern und Verkürzen des Seils und somit den Wechsel zwischen verschiedenen Sicherungstechniken ermöglicht – ein Thema, dass uns die nächsten Tage begleiten würde. Nach einem leckeren Abendessen gab es noch den Wochenüberblick, dann haben wir den Abend gemütlich ausklingen lassen.
Tag 2: Trainingstag Fels
Zur Vorbereitung der kommenden Touren stand ein Trainingstag auf der Tagesordnung. Los ging es früh morgens mit dem Trainieren des Blockstands, den uns Sophia kundig erklärte. Damit Paul überprüfen konnte, ob wir diesen auch in einer stressigeren Situation können, haben wir in Zweierteams einen kleinen Wettkampf auf Zeit veranstaltet, welcher aufgrund Ausführungsmängeln in beiden Teams unentschieden ausging. Anschließend ging es zum Zollhüttenwändchen, wo wir die Basics im Alpin-Klettern lernten. Für manche aus der Gruppe waren Standplatzbau und mobile Sicherungen alte Kamellen, für andere Neuland. Anschließend hat uns Paul in die Sicherungstechnik des gleitenden Seils eingeführt. Um im alpinen Gelände einzuschätzen, welche Sicherungstechnik anzuwenden ist, müssen Eintrittswahrscheinlichkeit und Konsequenz von möglichen Stürzen abgewogen werden. Anhand dieser beiden Parameter lässt sich eruieren, ob seilfreies Gehen, Gehen im Seiltransport, gleitendes Seil oder gestaffeltes Klettern in Betracht kommt. Nachdem uns von den vielen neuen Techniken schon der Kopf brummte, haben wir nach einer kurzen Pause das Abseilen trainiert. Für diejenigen aus unserer Gruppe, die Alpinkletter-Erfahrung hatten, war auch dies nichts Neues. Als letztes stand an diesem – leider sehr verregneten Tag – noch Selbstrettungstraining auf der Tagesordnung. Dieses war uns aus dem Grundkurs und verschiedenen Sicherheitstagen Gletscher am Grauen Stein in Wiesbaden bestens vertraut. Nun wurde die Sache aber dadurch komplizierter, dass wir bei der Selbstrettung noch Bremsknoten zu überwinden hatten. Anschließend ging es geschwind wieder zurück zur Hütte, um nicht zu spät zum Abendessen zu kommen.
Für unseren ersten Tourentag hat sich Paul etwas ganz Besonderes überlegt: Anstelle des Normalwegs wollten wir über den gesamten Westgrat auf die Dreiländerspitze klettern. An unserem Anreisetag hat Paul bereits einige Steinfrauen gebaut, um uns die Wegfindung im Zustieg zu erleichtern. Wir sind morgens um 6:35 Uhr gestartet. Bereits nach wenigen Metern fiel uns etwas wahrlich Bemerkenswertes auf: Die Sonne hat sich zum ersten Mal seit über einer Woche gezeigt. Nachdem wir den Einstieg in den Grat gefunden hatten, sind wir in zwei Dreierseilschaften losgeklettert. Je nach Schwierigkeitsgrad haben wir uns teils mit gleitendem Seil, teils im gestaffelten Klettern langsam vorgearbeitet. Dabei merkten wir schnell, dass wir leider für den Standplatzbau und das Legen mobiler Zwischensicherungen noch viel zu lange brauchten. Auch wenn wir uns kontinuierlich dem Gipfel näherten, verstrich Stunde um Stunde und bei Paul kamen langsam Zweifel auf, ob wir es noch rechtzeitig zum Abendessen schaffen würden. Nach 8 h Gratkletterei haben wir um ca. 16 Uhr das Gipfelkreuz der Dreiländerspitze erreicht. Für viel Euphorie am Gipfel blieb leider keine Zeit, sollten wir doch um 17:50 Uhr wieder zum Abendessen auf der Wiesbadener Hütte sein. Das Abendessen vor Augen haben wir die Zeit, die wir im Aufstieg länger gebraucht haben, im Abstieg wieder wettgemacht und die Hütte sogar bereits um 17:30 Uhr erreicht. So konnten wir uns sogar noch vor dem Abendessen verdientermaßen Duschen.
Tag 4: Trainingstag Eis
Am darauffolgenden Tag standen wieder Ausbildungsinhalte im Vordergrund. An einem Schneekolk auf dem Vermuntgletscher wurde die Spaltenbergung in 2er-Seilschaft trainiert und in einem Eisparkour die Steigeisentechnik verbessert. Für viele von uns war es spannend zu erfahren, wie es ist, einen T-Anker unter Belastung zu bauen. Um unseren Eis-Trainingstag zu komplementieren, haben wir in einer ca. 40 Grad steilen Eisflanke das Eisklettern mit Frontalzackentechnik und das Sichern am gleitenden Seil mit Rücklaufsperren, geübt. Besonders eindrucksvoll war auch das Bauen einer Eissanduhr. Obwohl die Eissanduhr sogar bessere Haltekräfte als eine Eisschraube hat, war es dennoch ein mulmiges Gefühl, sich an ihr abzuseilen. An der Hütte angekommen, haben wir mit der Tourenplanung für unsere Abschlusstour begonnen. Anhand grober Anhaltspunkte von Paul haben wir als Gruppe selbstständig die Eckdaten der Tour berechnet.
Am nächsten Tag ging es früh um 6:30 Uhr los. Die gesamte Bergkette, die wir vier Tage lang vor Augen hatten, wollten wir an diesem Tag überschreiten. Zunächst stiegen wir vorbei an atemberaubenden Wasserfällen zügig zum Ochsentalergletscher auf. Die ersten Meter auf dem Gletscher gingen schnell und problemlos. Anstatt dem Normalweg Richtung Silvrettahorn zu folgen, bogen wir links ab und hatten eine steile Firnwand vor uns. Schon im Anstieg fragten wir uns, wie wir da hoch kommen sollten. Angekommen kam noch die Schwierigkeit dazu, dass zu Beginn der Firnwand ein nicht allzu kleiner Bergschrund klaffte. Daher sind wir die ersten Meter weiter in Gletscherseilschaft gelaufen und haben erst nach dem Bergschrund die Seile aufgenommen. Der Aufstieg war für uns alle fordernd. Auch wenn der Trittfirn sehr guten Halt bot, hatten wir Respekt vor der ca. 40 Grad steilen Firnwand. Oben angekommen, nahmen wir unser Ziel, das Signalhorn (3210 m), in Augenschein. Aufgrund der Steilheit und Ausgesetztheit entschieden wir uns für das gestaffelte Klettern. Gegen 10:30 Uhr haben wir alle unser erstes Gipfelkreuz der Tour erreicht. Nach einem schnellen Abstieg entschied sich noch ein Teil der Gruppe, auf das Egghorn (3147 m) zu steigen. Da der Grat vom Egghorn Richtung Silvrettahorn sehr brüchig und schwer zu klettern ist, mussten wir die Firnflanke wieder absteigen, was für den Kopf mindestens ebenso fordernd war wie der Aufstieg. Der weitere Aufstieg zum Silvrettahorn gestaltete sich weitgehend problemlos. Kurz vor dem Gipfelaufbau haben wir im gleitenden Seil eine ausgesetzte Stelle überwunden. Gegen 14 Uhr erreichten wir alle das Gipfelkreuz des Silvrettahorns (3244 m). Von dort folgten wir dem Grat zum Piz Grambola (3190 m) – Pauls Warnung im Kopf, sich nicht von der brüchigen Flanke verführen zu lassen, sondern immer am Grat in gutem Fels zu bleiben – und gingen von dort weiter zur Schneeglocke (3223 m), die wir gegen 17 Uhr erreichten. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit traten wir schnell den Abstieg über den Klostertaler Gletscher zur Klostertaler Hütte, einer Selbstversorgerhütte, an. Angekommen auf der Hütte machten wir uns erstmal daran, Feuer zu machen. Hungrig von unserer sehr ausgedehnten Tour blieben von den 1,5 kg Spaghetti mit Pesto nichts übrig. Auch wenn der Schnaps auf der Hütte schon aufgebraucht war, konnten wir gemeinsam auf eine eindrucksvolle Tour, die uns allen noch lange in Erinnerung bleiben wird, anstoßen und Paul ein Danke für einen tollen und einzigartigen Fortgeschrittenenkurs aussprechen.
Ein Video über den Hochtourenkurs für Fortgeschrittene findet ihr auf den Social Media Kanälen des DAV Wiesbaden.
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